Die UNO und der ewige Frieden

Im Vorwort wurde bereits auf die philosophische Ausbildung des ehemaligen US-Präsi-denten John F. Kennedy  hingewiesen. Wenn man ihn vergleichen wollte, so sagte ich dort, fiele mir nur der römische Philosophen-Kaiser Mark Aurel ein, dessen Selbstbetrachtungen zur Weltliteratur zählen.  Kennedy hat sie gelesen und  später, als er schon Senator war, sein eigenes Buch „Zivilcourage“ (engl. Profiles in Courage) geschrieben, wofür er 1957 den Pulitzerpreis erhalten hat. Darin beschreibt er das Leben von acht Senatoren der ameri-kanischen Geschichte, um die Zivilcourage als die wichtigste amerikanische Tugend heraus-zustellen. Das Buch hat damals große Beachtung gefunden.
Siehe Kennedy: Zivilcourage
Die Felder der Politik, auf denen Kennedys  zukunftsweisender Einfluss spürbar wurde, sind zahlreich: die Unabhängigkeit Afrikas, die Allianz für den Fortschritt, das Friedenscorps, die Stärkung der UNO, der Stop der Atombombentests, die Aussöhnung mit Japan, die farbige Bürgerrechtsbewegung, der Kalte Krieg, die Berlinkrise, die Kubakrise, der Vietnamkrieg, das Raumfahrtprogramm, usw.
 

Anmerkung: Kennedys Rolle im Vietnamkrieg wurde aus parteipolitischen und wahltaktischen Gründen in den 1970er Jahren vor allem von US-Präsi-dent Richard Nixon stark in Zweifel gezogen. Ich verweise auf das Buch von Daniel Ellsberg "SECRETS. A Memoir of Vietnam and the Pentagon Papers". Darin wird diese gezielte Rufschädigung von John F. Kennedy widerlegt. 


Jedoch hat die UNO im Denken Kennedys immer den bedeutendsten Platz eingenommen. Es waren vor allem zwei wichtige Reden, in denen er ausdrücklich über den ewigen Frieden sprach. Man wird im Folgenden die Stellen vielleicht übersehen; deshalb wurden sie zur Erleichterung unterstrichen. Auf die Fundstellen der Belege für die folgenden Aussagen  wird am Ende im Abschnitt "Quellen" hingewiesen.


Ansprache an die Vollversammlung der UNO


Am 25. September 1961 wandte sich Präsident Kennedy mit einer langen Programmrede an die Vollversammlung der Vereinten Nationen. Eine Woche zuvor, am 18. September 1961, war  der amtierende Generalsekretär der Vereinten Nationen Dag Hammerskjöld mit einem Expertenteam bei einem Flugzeugsabsturz über Nordrhodesien zu Tode gekommen. Die Umstände blieben lange ungeklärt. Am 1. Januar 2019, 57 Jahre nach dem Absturz, wurde bekannt, dass es sich um einen  Auftragsmord gehandelt hatte.

Auf dieses Ereignis beziehen sich die ersten Worte von Präsident Kennedy.

"Herr Präsident, verehrte Abgeordnete, meine Damen und Herren!

Wir treffen uns in einer Stunde der Trauer und Herausforderung. Dag Hammarskjöld ist tot. Aber die Vereinten Nationen leben. Seine Tragödie liegt tief in unserem Herzen, aber die Aufgabe, für die er gestorben ist, steht ganz oben auf unserer Agenda. Ein edler Diener des Friedens ist von uns gegangen.  Aber die Suche nach Frieden liegt vor uns.

Das Problem ist nicht der Tod eines Mannes - das Problem ist das Leben dieser Organisation. Sie wird entweder wachsen, um die Herausforderungen unserer Zeit zu meistern, oder sie wird vom Winde verweht werden, ohne Einfluss, ohne Autorität und ohne Respekt. Würden wir sie sterben lassen, ihre Lebenskraft schwächen, ihre Befugnisse beschneiden, dann würden wir unsere Zukunft verspielen.

Denn in der Entwicklung dieser Organisation liegt die einzig wahre Alternative zum Krieg - weil Kriegserklärungen nicht länger eine vernünftige Alternative sind. Bedingungsloser Krieg kann nicht mehr zum bedingungslosen Sieg führen. Er kann nicht länger der Streitbeilegung dienen. Er kann nicht mehr nur die Großmächte betreffen. Denn eine durch Wind, Wasser und Angst verbreitete Nuklearkatastrophe könnte die Großen und die Kleinen, die Reichen und die Armen, die Engagierten und die Unverbindlichen gleichermaßen verschlingen.

Die Menschheit muss den Krieg beenden - oder der Krieg wird die Menschheit beenden."


Präsident Kennedy: Ansprache  an  die  UNO-Vollversammlung am 15.09.1961

Quelle: JFK Präsidenten Biblio-thek - Nutzung: Public domain






Und dann handelte er konzentriert einen  Punkt  nach dem anderen ab, in gepflegtem Englisch, 78 Minuten lang. Er machte Vorschläge für das neue Abrüstungsprogramm und informierte über die aktuellen Krisen in Deutschland und  Berlin,  Laos und Südvietnam. Zum Abschluss der Rede des Präsidenten spendeten die Delegierten minutenlang Beifall.

Beginnen wir mit dem unglaublichsten Teil der Ansprache. Gleich nach der Einleitung sagte Präsident Kennedy folgenschwere Worte: „Hier im Saal gibt es nicht drei Kräfte, sondern nur zwei. Die eine Kraft besteht aus denen, die versuchen, die in Artikel I und II der Charta der Menschenrechte beschriebene Welt aufzubauen. Die andere Kraft sucht eine andere Welt und ist bereit, diese Organisation dafür zu unterminieren.“

Sodann bezog er Stellung gegen die Versuche, anstelle eines Generalsekretärs ein Triumvirat einzurichten. „So schwierig es auch sein mag, Herrn Hammerskjölds Platz zu besetzen, er kann besser von einem Mann als von drei Personen besetzt werden. Selbst die drei Pferde der Troika hatten nicht drei Fahrer, die alle in unterschiedliche Richtungen wollten. Sie hatten nur einen – und die Exekutive der Vereinten Nationen auch. Die Einrichtung eines Triumvirats oder einer anderen rotierenden Behörde in der Verwaltung der Vereinten Nationen würde die Ordnung durch Anarchie, die Aktion durch Lähmung, das Vertrauen durch Verwirrung ersetzen. […] Wenn wir dieser Organisation drei Fahrer geben würden, dann würde jede Großmacht ihren eigenen Fall entscheiden können, dann würde der Kalte Krieg im Hauptquartier des Friedens verankert. Welche Vorteile ein solcher Plan meinem Land auch bringen mag, als eine der Großmächte lehnen wir ihn ab.“

Nach dem, was wir inzwischen über den Auftragsmord an Dag Hammerskjöld wissen, haben die US-Geheimdienste damals bereits gewusst, dass Großbritannien, die USA selber und Belgien zu den Auftraggebern gehörten. Es mag sein, dass Präsident Kennedy das zum Zeitpunkt seiner Rede auch wusste. Umso erstaunlicher sind die folgenden Sätze.

„Terror ist keine neue Waffe. Im Lauf der Geschichte wurde er von denjenigen benutzt, die sich weder durch Reden, noch durch Taten durchsetzen konnten. Sie scheiterten jedoch unweigerlich, entweder weil die Menschen keine Angst haben, für ein lebenswertes Leben zu sterben, oder weil die Terroristen selbst zu der Erkenntnis gelangt sind, dass sich freie Menschen nicht vor Drohungen fürchten, dass jede Aggression ihre eigene Antwort hervorrufen wird. Und im Licht dieser Geschichte sollte jede Nation, ob Feind oder Freund, heute wissen, dass die Vereinigten Staaten sowohl den Willen, als auch die Waffen haben, sich mit freien Menschen zu vereinen und ihnen zu helfen, aufzustehen und ihre Verantwortung zu übernehmen.“

Mit demselben Mut fuhr Präsident Kennedy nach Dallas/Texas, wo er lächelte, als man ihn am 22. November 1963 öffentlich abschlachtete. Wir wissen, dass der französische Journalist Jean Daniel schon einige Tage vor der Ermordung des US-Präsidenten mit Fidel Castro zusammen war. Castro hatte ihm gesagt, dass Kennedy in den Augen der Geschichte der größte Präsident der Vereinigten Staaten werden könnte, noch größer als Abraham Lincoln, weil er zum Schluss verstanden hat, dass es eine Koexistenz zwischen Kapitalismus und Sozialismus geben kann. Er wisse es aus zahlreichen Gesprächen mit Chruschtschow, der Kennedy für einen Mann hielt, mit dem man reden kann.

Daniel und Castro waren auch zusammen, als die Nachricht vom Attentat auf Kennedy verbreitet wurde. Castro war geschockt, er vermutete die Attentäter unter Vietnamesen oder dem Ku-Klux-Clan. Als die Nachricht kam, dass die Ärzte hofften, Kennedys Leben retten zu können, sagte er: „Wenn sie das schaffen, dann ist er bereits wiedergewählt.“ Als der Tod von Präsident Kennedy bekannt wurde, sagt Castro, dass sich jetzt alles geändert hat. „Die USA haben ein so großes Gewicht in der Außenpolitik, dass der Tod eines Präsidenten Millionen von Menschen in allen Winkeln der Welt beeinflusst. Der Kalte Krieg, die Beziehungen mit Russland, Lateinamerika, Kuba, die Rassenfrage […] alles muss neu gedacht werden. Das ist eine sehr ernste Angelegenheit.“ 


Abschlussfeier der Amercian University 


Diese Ansprache ist John F. Kennedys bemerkenswerteste Rede. Oliver Stone hat darauf hingewiesen, dass sie aus einem Entwurf von Norman Cousins entstand, einem Friedensaktivisten, der bei der Kubakrise die Kontaktperson zwischen Kennedy und Chruschtschow war. „Kennedy ermunterte seine Zuhörer dazu, im sowjetischen Volk Menschen zu sehen und forderte ein Ende des Kalten Krieges.“



Präsident Kennedy: Rede vor der American University am 10. Juni 1963

Quelle JFK Präsidenten Biblio-thek - Nutzung: Public Domain






Hier sind die wichtigsten Abschnitte dieser Ansprache.

[…] Aus diesem Grund habe ich mich entschieden, jetzt und hier über ein Thema zu sprechen, bei dem man zu oft auf Unwissenheit stößt und bei dem die Wahrheit zu selten erkannt wird, obwohl es sich bei ihm um das wichtigste Thema auf der ganzen Welt handelt: den Weltfrieden.

Von welcher Art Frieden spreche ich? Welche Art Frieden streben wir an? Es geht hier nicht um eine Pax Americana, die der Welt durch amerikanische Kriegswaffen aufgezwungen wird. Auch geht es nicht um den Frieden der Grabstätten oder um die Sicherheit der Sklaven. Ich spreche von echtem Frieden, von der Art Frieden, die das Leben auf der Erde lebenswert macht, von der Art Frieden, durch die Menschen und Nationen wachsen, hoffen und für ihre Kinder die Grundlage einer besseren Zukunft legen können. Ich spreche nicht nur vom Frieden für Amerikaner, sondern vom Frieden für alle Männer und Frauen. Auch geht es nicht nur darum, dass in unserer Zeit Frieden herrscht, sondern für alle Zeiten.

Lassen Sie uns unsere Haltung zur Sowjetunion überprüfen [...] Es ist traurig, die Größe der Kluft zu erkennen, die uns trennt [...] Wenn wir unsere Differenzen auch noch nicht ganz aus der Welt schaffen können, so können wir doch zumindest dazu beitragen, dass die Welt trotz unserer Meinungsverschiedenheiten sicher bleibt. Denn letztlich bildet die Tatsache, dass wir alle Bewohner dieses Planeten sind, das Band, das uns am Tiefsten verbindet. Wir alle atmen die gleiche Luft, uns allen liegt die Zukunft unserer Kinder am Herzen und wir sind alle sterblich.

Die Fundstellen der Zitate werden im Literaturverzeichnis  meines Buchs Integrales Bewusstsein in der Politik aufgeführt. 
Siehe Integrales Bewusstsein in der Politik


Köln, März 2020