Jean Gebser sprach und schrieb seit den 1950er Jahren darüber, dass die Krise unserer Zeit eine Weltkrise ist und die Gefahr einer weltweiten Katastrophe in sich birgt, die nicht durch Reformen oder ein irgendwie geartetes Zurück, sondern nur beim Auftauchen eines neuen Faktors zu überwinden sein wird. Die Aufgabe seines Werkes, wie einer seiner Schüler es formulierte, ist der Nachweis, dass dieser Faktor bereits wirksam geworden ist als eine sich entfaltende neue Bewusstseinsstruktur, die sich in zahlreichen Ergebnissen der Künste und Wissenschaften manifestiert.
Man beachte die Formulierung: der neue Faktor ist bereits wirksam geworden (erste Vergangenheit) als eine sich entfaltende (Verlaufsform, eine infinite Form des Verbs) neue Bewusstseinsstruktur, die sich in zahlreichen Ergebnissen der Künste und Wissenschaften manifestiert (Gegenwart). Solche Formulierungen sind bei Schülern von Jean Gebser öfter anzutreffen. Man nennt sie "atemporal" oder "zeitfrei". Das wird in einer längeren Leseprobe vertieft, auf die ich unten eine Referenz angebe.
Man kann aus dieser Formulierung nicht auf eine Garantie der Verwirklichung schließen. Das wäre eine illusorische Auffassung, wie man sie in schlechten Ideologien antrifft.
Das folgende Zitat stammt von Gebser selber. Es kann ebenso missverstanden werden.
"Wir werden aufzuzeigen haben, dass sich die Ansätze zum Neuen auf allen Gebieten der menschlichen Ausdrucksformen finden und dass ihnen allen ein gemeinsamer Charakter innewohnt. [...] Wir werden also von Gegebenheiten und nicht von Wunschbildern ausgehen. Wunschbilder haben angesichts der heutigen Zerstörungswaffen weniger denn je Bestand. Aber es wird sich zeigen, dass nicht nur diese Waffen und die Atomspaltung Wirklichkeiten sind, mit denen wir rechnen müssen, sondern dass auch die geistige Wirklichkeit in einer potenzierten Form wirksam zu werden beginnt." (Fundstelle siehe unten)
Man beachte auch hier die Formulierung: dass nicht nur diese Waffen [...] Wirklichkeiten sind (Gegenwart), sondern dass auch die geistige Wirklichkeit [...] wirksam zu werden (Verlaufsform, infinite Verbform) beginnt (Gegenwart).
Das klingt nach Utopie, manch einem vielleicht nach New Age oder Esoterik. Aber hier ist eine längere Passage, in der Jean Gebser seine Haltung zum ewigen Frieden andeutet. Die erwähnte Leseprobe reicht nicht bis zur Fundstelle. Ich muss sie hier angeben: sie steht in Gebsers Hauptwerk Usprung und Gegenwart Band II, S. 573.
"Die Missverständnisse wachsen; mehr noch: entgegen allen soziologischen, durchaus redlichen Bemühungen nimmt das Interesse gewisser politischer und geschäftlicher Kreise zu, diese Missverständnisse zu steigern. Ein verfinsterter Himmel und eine zum Grab gewordene Erde: diese doppelte Armseligkeit züchtet das Gespenst der unerlaubten Bereicherung, die sich unter diesen Umständen nur materiell äußern kann: Macht- und Profitgier wachsen und die ihr Verfallenen sehen nicht, dass das Grab, das sie dem andern schaufeln, ihr eigenes ist. Es hieße, vollständig jedes 'common sense' zu entbehren, übersähe man diese handgreiflichen Realitäten. Sie ändern zu wollen, ist nicht möglich. Diese Mentalität läuft sich selbst zu Tode; bestenfalls wird sie in sich selber zu Tode laufen. Könnte jedoch diese Mentalität durch die Integralität abgelöst, beziehungsweise überdeterminiert werden, dann freilich könnte der Sprung gelingen."
Die Passage verdient, sorgfältig gelesen zu werden. Die wichtigsten Sätze habe ich unterstrichen.
Das politische Gestammel unserer Zeit
In der oben zitierten Passage findet sich eine gute Erklärung dafür, dass das politische Denken unserer Zeit peu à peu auf den Hund gekommen ist. Es gibt eine weitere Erklärung für dieses Versagen unseres politischen Denkens, die ich in der Einleitung meines Buches Integrales Bewusstsein in der Politik herausgearbeitet habe. Dort heißt es:
[...] Einigen wird vielleicht schnell klar, dass der „politische Teil“ unseres Bewusstseins mindestens seit Beginn des 20. Jahrhunderts unter ungleich heftigeren Geburtswehen gelitten hat, als es bei den Wissenschaften und Künsten der Fall war. Die harten ideologischen Kämpfe, die im letzten Jahrhundert begonnen haben und bis heute andauern, sind ihr Ausdruck und ihre Zeugen. Wer sich auf politischem Feld bewegt, muss verstehen, dass seitdem der Teil und das Ganze niemals zusammenwirken konnten, weil das politische Bewusstsein schon die ganze Zeit in der Wiege gewürgt wurde.
Die Tragik der politischen Alt-Parteien besteht u.a. darin, dass sie Ideologiekritik für überholt halten, Politik nur noch verwalten, aber nicht mehr gestalten können. Wo rechte oder linke Parteien und Bewegungen mit ideologischem Anspruch auftreten, haben sie sofort das Ohr des Publikums. Ihre Ideologien sind jedoch samt und sonders reaktionär, rückwärts gerichtet, weg von der Mutation zum integralen, aperspektivischen, atemporalen Bewusstsein.
Das hat seine Gründe darin, dass die Umrisse der Mutation des politischen Bewusstseins bisher nicht gesehen werden konnten. Das aperspektivische Denken ist zwar in den Künsten und Teilen der Wissenschaften schon lange akzeptiert, jedoch wurde bisher jeder Versuch, diese Art des Denkens in die Politik einzuführen, mutwillig behindert durch konservative Machteliten in Europa, Amerika und Asien. Das führte nach dem 2. Weltkrieg zu dem, was der britische Schriftsteller John Le Carré - ehemaliger undercover Agent des militärischen Geheimdienstes MI6 und Autor sozialkritischer Bestseller-Spionageromane - einmal das „vorzeitige Löschen der sozialistischen Flamme“ genannt hat. [...]
Dass unter den oben bezeichneten Umständen politische Kommentare, Artikel, Essays und Bücher von Kollegen kaum über ein Gestammel hinaus kamen, war eine theoretische Einsicht, die mir relativ leicht gefallen ist. Meine eigenen Texte ebenso realistisch zu beurteilen, hat mir mehr abverlangt. Als ich dann aber, um mich auf dieses Buch vorzubereiten, wieder in die Zeit meiner philosophischen Ausbildung eingetaucht bin und Kants Entwurf Zum ewigen Frieden nach so langer Zeit wieder in die Hand nahm, die unserem Ohr fremden und zum Teil unverständlichen, im Ganzen jedoch erklärungsbedürftigen Formulierungen auf mich wirken ließ, mich fragte, warum diese kleine Schrift wie keine andere von Kants großen Arbeiten noch heute für ein breites Publikum aktuell geblieben ist, stellte ich überrascht fest, dass es jenseits der zeitbedingten Sprachmuster Ebenen der Mitteilung von Gedanken geben müsse, die auch von Angehörigen entfernter Kulturen verstanden werden können. Auf ähnliche Weise muss es wohl geschehen, dass die musikalischen Gedanken Palestrinas, Bachs, Mozarts und anderer großer Komponisten in entfernten Kulturen verstanden werden und tiefe Empfindungen auslösen können.
Kant war, so finde ich, derjenige Philosoph, der über Ethik und Politik auf eine Weise nachgedacht hat, die von anderen nicht erreicht wurde.
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Die Referenz auf das Werk von Jean Gebser ist eine ausführliche Leseprobe, die auf einer Internetseite zu finden ist, auf der ich mein Buch Integrales Bewusstsein in der Politik bekannt gemacht habe.
Integrales Bewusstsein in der Politik
Köln, März 2020