Ian McEwan: Die Kakerlake


Diese einzigartige Lektion über das prekäre Verhältnis zwischen Literatur und Politik kam auf  einem Umweg zu mir. Eine Freundin suchte letzten Dezember ein Weihnachtsgeschenk für mich und traf auf einen Buchhändler, der ihr verriet, Die Kakerlake sei eine Satire über den Brexit, und Boris Johnson, der britische Premier, sei die Kakerlake. Der Buchhändler hatte bloß die irreführende Werbung des Verlages wiedergegeben, aber das war ohne Bedeutung, denn meine Freundin war froh,  dass sie ein Geschenk gefunden hatte.  Später, als mir klar wurde, dass ich die großartige Geschichte ohne die Irreführung wahrscheinlich nicht  gelesen hätte, fühlte ich mich an den Grundsatz der  alten Logiker erinnert: „ex falso quodlibet“,  aus dem Falschen kann alles Mögliche folgen,  auch die  Wahrheit  - eine subtile Warnung an die Lügner.

Ian McEwan, so las ich in einem Klappentext, geboren 1948  in Aldershot (Hampshire), 1998 Bookerpreis, 1999 Shakespeare-Preis der Alfred-Toepfer-Stiftung, erster Welterfolg mit dem Roman Abbitte, danach jeder seiner Romane ein Beststeller, Mitglied der Royal Society of Literature, der Royal Society of Arts und der American Academy of Arts and  Sciences. Eine kurze Internet-Recherche ergab, dass die deutschen Literaturkritiker sich wenig Mühe gemacht und einfach die Klappentexte des Buches abgeschrieben hatten.  Wenn sie das Buch nicht nur überflogen, sondern gelesen und verstanden hätten, wären ihre Rezensionen vielleicht besser ausgefallen. Ihnen wäre auch kein Zacken aus der Krone gebrochen, wenn sie den englischen Wikpedia – Artikel über  Ian McEwan wenigstens gelesen hätten. Lesen bildet.


Ian McEwan


Ian McEwan ist der Sohn eines schottischen Majors (Aldershot ist ein Militärstützpunkt) und wuchs infolge der Versetzungen seines Vaters unter anderem in Singapur und Libyen auf. Er studierte englische und französische Philologie an der University of Sussex in Brighton, wo er mit dem Bachelor of Arts in englischer Literatur abschloss. Während seines anschließenden Studiums zur Erlangung des Master of Arts in englischer Literatur an der University of East Anglia in Norwich lernte Ian McEwan bei den Romanautoren Malcolm Bradbury und Angus Wilson die Kunst des kreativen Schreibens und unterrichtete später selbst an der University of Sussex. Seit dem Erfolg der Kurzgeschichtensammlung Erste Liebe, letzte Riten (1975) lebt er als freier Schriftsteller. Im Laufe seiner Karriere wurde McEwan mit nahezu allen bedeutenden Preisen für englischsprachige Literatur ausgezeichnet.

Zwischen 1975 und 2019 verfasste er 20 Kurzgeschichten und Romane, etwa die Hälfte wurde verfilmt. 1980 schrieb er das Fernsehspiel The Imitation Game. Die komplizierte Beziehung zu dem gleichnamigen Film wird in The ImitationGame (play) erklärt. 1983 schrieb er das Libretto für das Oratorium Or shall we dy?  und 2008 das Libretto für die Oper For You, beide von dem  Komponisten und Mitglied des britischen Oberhauses Michael Berkeley


Die Kakerlake


Die Geschichte, zu Beginn etwas verwirrend, erschloss sich mir nach kurzem Lesen als interessant, dann als fesselnd und gegen Ende als erstaunlich, mit Anflügen von Genialität.  Verwirrend waren die unappetitlichen Passagen des ersten Kapitels, zum Beispiel auf Seite 13: „Aus jeder Trachee seines Körpers keuchend, hatte er vor einem einladenden Gully Halt gemacht, um von einem fallen gelassenen Stück Pizza zu kosten.“

Oder auf Seite 16 ist die Rede von einem kleinen „Dungberg, leicht dampfend und noch warm. Zu jedem anderen Zeitpunkt hätte er sich maßlos gefreut, hielt er sich doch für einen Connaisseur und kannte das gute Leben.“

Im zweiten Kapitel wird es interessant. Da geht es um den Reversalismus, die Umkehr des Geldflusses.  Auf Seite 41 wird die merkwürdige Theorie beschrieben. „Manch einem aber erschien die Idee, hatte er sich einmal auf sie eingelassen, schön und schlicht. Kehren wir den Geldfluss um, und das gesamte Wirtschaftssystem, die Nation selbst gar, wird geläutert werden, gereinigt von allen Absurditäten, von Verschwendung und Ungerechtigkeit. Am Ende des Arbeitsmonats gibt eine Angestellte für die vielen Stunden, die sie gearbeitet hat, ihrer Firma Geld. Geht sie einkaufen, wird sie hingegen für jede Ware, die sie mitnimmt, großzügig zum Einzelhandelstarif entschädigt. Bargeld zu horten, ist gesetzlich untersagt.“

Die unsinnige Idee ist hervorragend formuliert und bezieht sich direkt auf die letzte lange Rede des Premierministers vor seinem Kakerlaken-Kabinett: „Alle Kabinettsminister sollten ihren geborgten Leib  ordentlich  an ihrem Ministertisch  zurücklassen, bereit für die Rückkehr des rechtmäßigen Besitzers. Jim ließ seinen Körper oben im Bett liegen […] Die Kabinettssitzung wurde auf Pheromon abgehalten, was etwa zehnmal so schnell ist wie Standardenglisch […] In den letzten Monaten unserer Mission sind wir allein der Wahrheit verpflichtet. Und es gibt eine Wahrheit, die wir unseren großartigen Mitbürgern nie verheimlicht haben. Damit die mächtigen Motoren unserer Industrie, des Handels und Finanzwesens ihren Lauf umkehren können, müssen sie zuerst langsamer werden und ganz zum Stillstand kommen. So etwas geht nicht ohne Entbehrungen ab. Es könnte sogar äußerst hart werden. Ich bezweifle allerdings nicht, dass das Volk unseres großen Landes gestärkt daraus hervorgehen wird  […] “ (S. 127ff)

Erstaunlich wird es hier, ab Seite 130: „Unsere Spezies ist mindestens dreihundert Millionen Jahre Jahr alt.“ Vor vierzig Jahren sei sie in London noch eine Randgruppe gewesen, verachtet, Zielscheibe von Spott und Hohn, verabscheut. Aber sie sei ihren Prinzipien treu geblieben. „Wir haben immer im Eigeninteresse gehandelt. Wie unser lateinischer Name Blattodea bereits andeutet, sind wir Geschöpfe, die das Licht scheuen. Wir verstehen und lieben die Dunkelheit. In jüngster Zeit, den letzten zweihunderttausend Jahren also, haben wir Seite an Seite mit den Menschen gelebt, deren eigene Vorliebe  für die Dunkelheit kennengelernt […] Immer, wenn die Dunkelheit in ihnen überhandnahm, gediehen wir. […] Gaben sie Armut, Schmutz und Elend Raum, wurden wir stärker.“

In der genialen Passage wird ein tiefenpsychologisches Problem angesprochen,  das von den Geistes – und Neurowissenschaften seit vielen Jahren erforscht wird,  nicht zuletzt von der modernen vorbeugenden Verbrechensbekämpfung.

Das Thema der Korruption, das hier mitschwingt, erinnert an John Le Carré, den ehemaligen MI6-Agenten, der durch Verrat  enttarnt und später als Autor von gesellschaftskritischen Spionageromanen weltbekannt wurde. Er verarbeitet das Thema der Korruption in seinem Roman Verräter wie wir. Die Verräter sind bestochene britische Politiker, Banker und Anwälte.  Sie setzen sich für die Gründung einer Handelsbank in London ein, deren  heimliche Eigentümer die Chefs des russischen organisierten Verbrechens sind.  In der Bank sollen Milliarden von Dollars aus illegalen Geschäften gewaschen werden, was zwangsläufig den Handel und das Finanzwesen langsam zum Erliegen bringt. Der Zusammenhang mit McEwans Kurzgeschichte ist nicht zu übersehen.

Züge von Genialität sehe ich auch auf den letzten Seiten 132f: „Die Wünsche der Menschen sind oft im Widerstreit mit ihrer Intelligenz. Anders als bei uns, die wir aus einem Guss sind. Und sie alle haben mit ihren menschlichen Händen am Rad des Populismus gedreht […] Jetzt aber, meine Freunde, wird es Zeit, zu unserer Reise in den Süden aufzubrechen. Auf zu unserer geliebten Heimat! In einer Reihe hintereinander, bitte.“ Und dann nimmt die Tragödie ihren Lauf, die Kakerlaken-Prozession gerät in den Londoner Verkehr. Nur der Premier nicht.  Alle übersahen „das kleine Geschöpf, welches zum Haus Nr. 10 huschte, um dort sein altes Leben wiederaufzunehmen.“

An dieser Stelle muss ich dem Irrtum entgegentreten, dass Die Kakerlake eine politische Satire, gar eine beißende Satire auf Boris Johnson und den Brexit wäre. Darum lenke ich die Aufmerksamkeit  auf einen Abschnitt, den niemand bemerkt zu haben scheint. Dort macht sich der britische Premier daran, Twitter zu verstehen, „eine primitive Version des pheromonalen Unbewussten, wie ihm bald aufging. Er las Archie Tuppers jüngste Verlautbarungen und begann sich zu fragen, ob der amerikanische Präsident womöglich einer von uns war.“ (S. 76f) Er macht selber einen untauglichen Twitterversuch und „am nächsten Morgen wachte der amerikanische Präsident zeitig auf und riss noch vom Bett aus die Debatte an sich. Er demonstrierte, wie man es machte. ´Die kleine Sylvie Larousse versenkt englische Schiffe. SCHLIMM!´ Reine Lyrik war das, eine solche Bedeutungsdichte gepaart mit leichtfüßiger Loslösung von allen Details.“

Den Tweet versteht nur jemand, der auf Seite 57  mitbekommen hat, dass eine französische Fregatte mit einem britischen Fischerboot kollidiert ist und dabei sechs Fischer ertrunken sind. „Larousse entmannt und verkleinert mit einem Etikett, das er, ob wahr oder nicht (er hieß mit Vornamen Sylvain und war knapp eins fünfundsiebzig groß) gewiss nie wieder loswerden würde.“  Larousse nimmt die Züge des französischen Präsidenten Macron an und die virtuose Handhabung von Twitter zu demagogischen Zwecken rückt die Figur des Archie Tupper in die Nähe von Donald Trump. Der britische Premier ist beeindruckt und will den amerikanischen Präsidenten anrufen. Er musste „die Amerikaner davon überzeugen, dass sie ihren Geldfluss gleichfalls umkehrten.“ (S. 79)

Nach längeren geheimdienstlichen Expertisen über den amerikanischen Präsidenten  - über seinen gewaltigen finanziellen Appetit, seine eigenen moralischen Prinzipien, seine mögliche Beeinflussbarkeit durch „die subtilen Reize der Orden und Bänder des britischen Ehrensystems“ (S. 80) - greift der Brite endlich zum abhörsicheren Telefon und lässt sich mit dem amerikanischen Präsidenten verbinden. Zunächst ein abtastender smalltalk und dann kommt er auf Seite 85 endlich zum Punkt. „Ein letztes noch, Mr. President. Darf ich Sie was Persönliches  fragen?“ „Klar doch, wenn es nicht um …“ „Nein, nein, natürlich nicht darum. Es geht um … früher.“ – „Was meinen Sie, Jim?“ – „Sechs.“ – „Wie bitte?“ – „Okay. Sind Sie ... Haben Sie früher mal … ?“ – „Herrgott, raus damit, Jim! Habe ich früher mal was?“ - Es war nur ein Flüstern. „Sechs Beine gehabt?“ Schlagartig war die Leitung tot.

Das ist witzig, brillant! 


Literaturkritik und politisches Vorurteil


Wie Kritiker auf den Gedanken verfallen konnten, dass McEwan sich vor dem großen Vorbild von Kafkas Erzählung Die Verwandlung (1912) verneigt, wird mir verschlossen bleiben. Die Situationen sind nicht vergleichbar. Bei Kafka findet sich der Handelsreisende Gregor Samsa eines Morgens „zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt“,  wird am Ende von seiner Familie aus der Wohnung getrieben und geht zugrunde. Die kleine Kakerlake hingegen muss viele Gefahren überwinden, um in der Dienstwohnung des britischen Premierministers als riesiger Mensch mit dem Namen Jim Sams aufzuwachen und eine einsame Mission im Auftrag des kollektiven Kakerlaken-Geistes zu erfüllen: „Er war nur noch ein winziges Element in einem Plan von einer Größenordnung, die kein einzelnes Individuum zu erfassen vermochte.“ (S. 17)

Natürlich ist die Ähnlichkeit der Namen „Gregor Samsa“ und „Jim Sams“ von McEwan beabsichtigt, aber wer aus der Fabulierlust des Autors die falschen Schlüsse zieht, den trifft der bissige Satz des österreichischen Satirikers Karl Kraus: „Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen auch Zwerge lange Schatten.“ Der Satz wird ihm jedenfalls zugeschrieben.  Ob er es nun so gesagt hat oder anders, wer es früher oder später gesagt hat, kann in diesem Zusammenhang vernachlässigt werden.

Kommen wir zu den gescholtenen Kritikern. Wenn jemand dem Link Deutschlandfunk: Eine Kakerlake macht Brexit nachgeht, wird er diesen Artikel sehen:



Hier ist ein Ausschnitt aus dem längeren Interview.

Beitrag zur Verrohung des öffentlichen Diskurses

„Hier äußert Lieske Vorbehalte gegen McEwans Roman. Es sind außerliterarische: Der Autor arbeitet mit Ekel- und mit Wimmelmotiven, es gibt Setzungen zu Essensabfällen, zu Exkrementen, zur Kanalisation und zur Dunkelheit. Gleich zu Auftakt will der Premier am liebsten eine Schmeißfliege verspeisen. Was hier stattfindet ist – bei aller Komik – Teil einer Verrohung des öffentlichen Diskurses. Gerade aber in Zeiten, in denen die politische Elite versagt, müssen Künstlerinnen Verantwortung übernehmen, betont Lieske. Das gelte besonders für Autoren, denn sie arbeiten mit dem Material, mit dem die Auseinandersetzung geführt werden wird: mit Worten und mit Wörtern. McEwan, der sonst immer gerne Interviews gibt, hat im Vorfeld alle Interviewanfragen zu diesem Roman abgelehnt.“ 

Noch einmal, bitte: „Wenn die politische Elite versagt, müssen Künstlerinnen Verantwortung übernehmen.“ - Ich glaube, ich höre nicht richtig. Sind wir schon wieder soweit, dass wir die Kunst in die politische Pflicht nehmen sollen? „Ars ancilla rei publicae“, die Kunst als Magd der Politik, wie man in Abwandlung des mittelalterlichen Satzes „philosophia ancilla theologiae“ sagen könnte? 

Und wer hat mit der „Verrohung des politischen Diskurses“ begonnen? War das nicht der Brite Nigel Farage mit der UKIP, zu der Boris Johnson anfangs auch gehörte? War es nicht Donald Trump in den USA, der Front National in Frankreich und die anderen rechten Parteien in Europa? Verrohung hat eine lange Tradition, die heute wieder alte Demokratien zu überwältigen droht. Es würde uns gut zu Gesicht stehen, an die Schmähreden der Nationalsozialisten gegen Schriftsteller wie Kurt Tucholsky zu erinnern: „zersetzender, jüdischer Literat“. Die Bücherverbrenner jedenfalls dachten nicht daran, Verantwortung für den guten Ton zu übernehmen. „Sollen das doch die Schreiberlinge selber tun“- ist es das, was Frau Lieske uns sagen will?


Rezensionen und Kundenbewertungen im Internet


Andere Rezensionen wurden zusammengefasst im Kulturmagazin Perlentaucher: die Tageszeitung 11.12.2019, Deutschlandfunk Kultur 3.12.2019, Frankfurter Rundschau 27.11.2019, Süddeutsche Zeitung 27.11.2019 mit einem Verweis auf weitere Rezensionen auf bücher.de: Warum zerreißen Sie Ihr Land?

Die Buchhandlung Thalia hat die Bewertungen von über 60.000 deutschen Lesern zurückgezogen, die durchschnittlich 4-5 Punkte vergeben haben sollen. Nun bewertet die Buchhandlung selber die  englische Ausgabe The Cockroach mit maximalen 5 Punkten. Die Thalia erwähnt dort, dass der Daily Telegraph The Cockroach  als Buch des Jahres geehrt habe. Es ist mir nicht gelungen, dafür einen Beleg zu finden. Vielleicht gelingt es jemand anderem.

Die englischsprachige Goodreads kommt bei über 2.200 Kundenbewertungen zu durchschnittlich 3,35 Punkten.  Einige der über 350 Rezensionen werden zitiert.


Mein Kommentar


Man kann nicht finden, was man nicht sucht.  Wer nach beißender Politsatire zum Brexit sucht, der kann McEwans Kurzgeschichte Die Kakerlake nicht verstehen  und findet nur die eigenen Vorurteile bestätigt. Außerdem  sollte man Bücher zu Ende lesen, vor allen Dingen, wenn man sie besprechen will. Zum Beispiel legt McEwan erst auf der Seite  131 dem Kakerlaken-Premier die Worte in den Mund: „Sobald der Reversalismus, dieser seltsame Wahn, die menschliche Bevölkerung in Armut stürzt, was notwendigerweise geschehen muss, werden wir gedeihen.“

Und vorne auf dem Deckblatt, damit jeder es als Erstes lesen möge, steht in deutscher Übersetzung: „Diese Novelle ist ein Werk der Fiktion; Namen und Figuren entspringen der Phantasie des Autors.“ Also keine Politsatire. Das würde seinem Stil nicht entsprechen.


Bibliografie


Originalausgabe 2019 bei Jonathan Cape, London
Deutsche Übersetzung 2019 bei Diogenes, Zürich

Hans Werner Körtgen

Köln,  Januar 2020